1. Einleitung: Das Schicksal der Kritik angesichts des Postfaktischen

Zu Beginn seines 2012 erschienen Buches Existenzweisen führt Bruno Latour eine Anekdote an, die verdeutlichen soll, vor welchen gesellschaftlichen Herausforderungen wir derzeit stehen: Bei einem Treffen zwischen französischen Industriellen und Forscher*innen des Collège de France, bei dem der Klimawandel zur Debatte stand, wurde ein Professor mit der Frage konfrontiert, warum man ihm eher glauben solle als anderen. In einer für Latour aufschlussreichen Weise beruft sich nun der Wissenschaftler in seiner Replik nicht auf Daten und Fakten, auf etablierte Verfahrensweisen und allgemeine Nachvollziehbarkeit, sondern moniert das fehlende Vertrauen in wissenschaftliche Institutionen. Sowohl die Frage als auch die Antwort verblüffen Latour, insofern der bloße Hinweis auf den Unterschied zwischen dem rationalen Verfahren der Wissenschaft und einem konspirativen Irrationalismus offensichtlich nicht mehr hinreiche, "um die Dispute über die Bestandteile der gemeinsamen Welt zu schließen".1

Latour adressiert damit den Problemkreis, der gegenwärtig unter dem Schlagwort des Postfaktischen breit diskutiert wird. Wenn vermeintlich sämtliche Ansichten gleich gültig sind, werden demnach die Ergebnisse der Wissenschaften zusehends gleichgültig. Im Post-Truth-Zeitalter stünden Meinungen neben Meinungen, ohne noch auf einen gemeinsam anerkannten Maßstab zu ihrem Vergleich und ihrer Bewertung rekurrieren zu können. Latour beschäftigt diese Thematik bereits seit gut zwei Jahrzehnten. Schon zu Beginn der 2000er Jahre zeugen Latours Analysen von einem präzisen Sensorium für die aufkommende gesellschaftliche Problematisierung des Faktischen. Dabei nimmt Latour in mehreren Beiträgen Überlegungen und Argumente der heutigen Postfaktizitätsdebatte vorweg und liefert eine genealogische Erläuterung sowie eine detaillierte Strukturanalyse dieser markanten Entwicklungen und Verschiebungen. Im Zentrum steht dabei die Frage nach der Möglichkeit, dem Status und den Voraussetzungen von Gesellschaftskritik, wenn diese sich scheinbar nicht mehr damit begnügen darf, herrschende Ideologien und allgemein anerkannte Gegebenheiten als soziale Konstrukte zu entlarven. Denn damit würde sie nach Latour gerade der prekären Tendenz einer Unterminierung alles Faktischen unversehens in die Hände spielen und einer "postfaktischen" Beliebigkeit zuarbeiten, die jede profunde Kritik gerade verunmöglicht.

In den folgenden Ausführungen möchten wir zunächst Latours Kritik zeitgenössischer, insbesondere poststrukturalistischer Kritikverfahren sowie seine Konzeption einer neuen Form von Kritik, die zugleich mit einem neuen Realismus und einem komplexen Verständnis von Faktizität und Dinglichkeit einhergeht, rekonstruieren und sie auf ihre Voraussetzungen und Implikationen hin befragen. Dabei soll deutlich werden, dass Latour mit seiner Emphase auf der Notwendigkeit, einen komplexen und kritischen Begriff von Faktizität und Realität zurückzugewinnen, durchaus den Nerv der Zeit trifft. Sein Plädoyer für einen neuen Realismus, der nicht mehr auf isolierte Fakten, sondern vielmehr auf Dinge von Belang (matters of concern) abstellt, bietet einen Reflexionsrahmen, um jenseits immer noch vorherrschender positivistischer Engführungen in einer reichhaltigen Weise über Faktizität nachzudenken. Dennoch wird unser Nachvollzug von Latours Überlegungen zeigen, dass diese in einer hyperbolischen und letztlich nicht haltbaren Weise alle gegenwärtigen Spielarten kritischer Theoriebildung dem Generalverdacht eines naiven, gleichsam "postfaktischen" sozialen Konstruktivismus unterstellen. Entgegen Latours Pauschalkritik an poststrukturalistischen Kritikmodellen soll daher in einem zweiten Schritt exemplarisch mit Blick auf Michel Foucault gezeigt werden, dass dessen genealogisch-kritischer Analyserahmen nicht nur Latours Ansprüchen an ein kritisches Denken auf der Höhe unseres ("postfaktischen") Zeitalters genügen kann, sondern auch Aspekte zu berücksichtigen vermag, die in Latours eigenem Ansatz außen vor gelassen werden. Denn während Latours neuer Realismus sich letztlich auf die Erweiterung einer epistemologischen Perspektive beschränkt, erlaubt es eine Foucault'sche Herangehensweise, epistemische Problemstellungen mit ihren politischen, sozialen, ökonomischen und machtdiskursiven Bedingungslagen in ein Verhältnis zu setzen, ohne dadurch erstere auf letztere zu reduzieren.

2. Latours Anspruch: Unterwegs zu einem neuen Realismus

In seinem 2004 auf Englisch erschienenen Beitrag "Why Has Critique Run out of Steam? From Matters of Fact to Matters of Concern", der 2007 auf Deutsch unter dem Titel Das Elend der Kritik publiziert wurde, zeichnet Latour ein düsteres Bild der intellektuellen Szene der Gegenwart: Wissenschaftstheoretische Einsichten – dass es beispielsweise keinen unvermittelten Zugang zu Wahrheitsfragen gibt, da das eigene (gleichsam unauflösliche) Kategoriensystem und die eigene (wiederum uneinholbare) Situiertheit unsere Weltansicht mitbestimmen – haben jede Frage nach objektiven Fakten umfassend konterkariert. Unversehens haben diese Überlegungen Eingang in ganz andere Diskurse gefunden und sind nun Latours Einschätzung nach dafür mitverantwortlich, dass im allgemeinen Bewusstsein die Wissenschaft gegenwärtig nicht mehr Gewicht besitzt als an den Haaren herbeigezogene Verschwörungstheorien:

Natürlich stellen wir Akademiker etwas gehobenere Ansprüche – wir sprechen von Gesellschaft, Diskurs, Wissen-Schrägstrich-Macht, von Kraftfeldern, von Imperien, vom Kapitalismus –, während Verschwörungstheoretiker lieber das Bild eines lumpigen Haufens von gierigen Typen mit finsteren Absichten entwerfen, aber ich finde beunruhigende Ähnlichkeiten sowohl in der Struktur der Erklärung, in der ersten Bewegung von Unglauben und weiter in der Berufung auf kausale Erklärungen, die aus irgendwelchen finsteren Abgründen stammen.2

Verantwortlich für diesen nivellierenden Umgang mit Wissen zeichnet für Latour in erster Linie der Poststrukturalismus.3 Seiner Ansicht nach hat sich dieser selbst in einer alarmierenden Weise in die Nähe von konspiratistischen Behauptungen gebracht, indem jedes Kriterium wissenschaftlicher Evidenz einem allgemeinen Verdacht unterzogen wurde. Sein Text changiert dabei zwischen Selbstkritik – denn schließlich haben wir Latour beeindruckende Reflexionen über den Konstruktionscharakter wissenschaftlicher Erkenntnisse zu verdanken4 – und einer expliziten Abrechnung mit Denkansätzen der Diskursanalyse, des sozialen Konstruktivismus und der Dekonstruktion. In einem polemischen Ton hält er fest, dass nachgerade diese Theoriebildungen daran beteiligt sind, dass nunmehr der kritische Geist keinen Zugriff mehr auf gegenwärtige Verhältnisse besitzt. Die Einsicht in die Relativität und Konstruiertheit von Fakten ist in den Zeiten von Post-Truth und Fake-News allzu selbstverständlich geworden, sodass den rezenten Spielarten der Sozialkritik französischer Provenienz längst eine zu problematisierende Patina des Unzeitgemäßen innewohne. Mit aller Deutlichkeit bringt Latour daher seine Sorge zum Ausdruck, dass diese Analysen und Kritikmodelle, insofern sie wesentlich auf eine Infragestellung vermeintlich gegebener und unabänderlicher Fakten abstellen, nicht mehr in der Lage seien, solide wissenschaftliche Ergebnisse von x-beliebigen Annahmen zu unterscheiden. Leitmotivisch wiederholt er dabei die Frage, was denn aus der Kritik geworden sei.

Um dem Unterfangen nachzukommen, den kritischen Geist nicht einfach fahren zu lassen, sondern ihn erneut zu schärfen, möchte Latour einerseits das Inventar der kritischen Analyse überprüfen und andererseits nochmals sein ursprüngliches Vorhaben präzisieren. Denn es war von seiner Seite, wie er festhält, nie intendiert, "von den Fakten loszukommen, sondern näher an sie heranzukommen".5 In diesem Zusammenhang insistiert Latour auf der Notwendigkeit eines neuen Realismus, der sich nicht mehr lediglich auf bloße Tatsachen (matters of fact) bezieht, sondern vielmehr auf Dinge von Belang (matters of concern) fokussiert.6 Von diesem Deuteros Plous – der Umstellung von den matters of fact zu den matters of concern – verspricht sich Latour nicht nur eine vielschichtige Erfahrung, sondern auch ein Ethos, das den Reichtum der Welt schützt und pflegt. Davon ausgehend soll Kritik in einer gewandelten Form wieder an Kraft gewinnen: eine Kritik, die nicht nur isoliert einzelne Objekte behandelt, sondern die Komplexität der Gegenstände ernst nimmt und sie bewahrt. Anleihen für dieses Vorhaben sowie für die Bestimmung seines zentralen Begriffs der matters of concern nimmt Latour bei Heideggers Inblicknahme dessen, was dieser in seinem Spätwerk "Ding" respektive "Geviert" nennt. Um Latours Neukonzeption des Realismus in einer zureichenden Weise nachvollziehen zu können, seien daher zunächst die wesentlichen Aspekte von Heideggers Denken des Dinges in Erinnerung gerufen.

3. Heidegger über das Gegebene: Von der "Bewandtnisganzheit" zum "Geviert"

Heidegger fragt zunächst ganz grundsätzlich danach, wie uns Dinge in und aus einer Welt begegnen. Dabei steht das Anliegen im Hintergrund, reduktionistische Ausdünnungen von Empirie zurückzuweisen und einen Sinn für die Reichhaltigkeit und Vielgestaltigkeit von (gegenständlicher) Erfahrung zu gewinnen bzw. zurückzugewinnen. Heidegger geht es dabei darum zu zeigen, dass Dinge letztlich niemals als das nackte Vorhandensein eines Objekts erfahren werden, das einer funktionalen Dienlichkeit oder Verwertbarkeit unterstellt werden könnte. Eine solche verkürzte Auffassung von Empirie möchte Heidegger in ihrer gemeinhin akzeptierten Selbstverständlichkeit aufbrechen und dabei den Dingen ein Stück weit ihre Vielfältigkeit und damit die Fülle von Erfahrungsmöglichkeiten zurückgeben, indem er jeweils ihre konstitutive Relationalität, d.h. ihre Stellung in einem Geflecht mannigfacher Bezüge herausarbeitet.

Bereits in Sein und Zeit war Heidegger kritisch der Tendenz nachgegangen, alles Seiende gemäß einer Ontologie der Vorhandenheit auszulegen. Damit ist die – nach Heidegger in der Neuzeit immer weiter umgreifende – Disposition gemeint, Dinge als isolierte, aus allen Bezügen und Relationen losgelöste Objekte zu begreifen, die sich einem ebenso unbezüglichen und gleichsam autarken Subjekt umstandslos präsentieren.7 Weltbezug ist im Rahmen einer solchen reduzierten Konzeption des Verhältnisses von Subjekt und Objekt für Heidegger nicht zu denken. Gerade auf den Aufweis, dass unser Verhältnis zum Gegebenen immer schon in weitaus komplexeren Zusammenhängen steht, zielt Heideggers berühmtes Werkstatt-Beispiel aus Sein und Zeit ab: In der Werkstatt einen Hammer zu ergreifen, heißt mitnichten, zunächst ein bloßes faktisches Sinnesdatum zu registrieren und dann den Hammer als ein bestimmtes Objekt zu erkennen, sondern man gebraucht ihn beispielswiese, um einen Nagel in die Wand zu schlagen. Der Hammer begegnet uns als ein "Zeug", mit dem etwas bewerkstelligt werden kann. Er ist als solches eingebunden in eine offene Mannigfaltigkeit von Bezügen (Heidegger spricht hier von einer "Zeug-" bzw. "Bewandtnisganzheit"8), aus denen er in seinem spezifischen Gebrauch verstanden wird. So verweist der Hammer auf die anderen Werkzeuge der Werkstatt, aber – durch seine bestimmte Form – auch auf die körperliche Verfasstheit seiner Benutzer*in, auf eine bestimmte Verwendbarkeit, auf damit verbundene Tätigkeiten und Möglichkeiten, die ihrerseits eine Geschichte haben, er verweist auf seine Hersteller*in, auf die Naturmaterialien, aus denen er zusammengesetzt ist usw.9

In seinen späteren Schriften reformuliert und radikalisiert Heidegger diese Konzeption einer umfassenden Relationalität und Historizität alles Gegenständlichen. Besonders deutlich wird dies daran, dass ab Mitte der 1940er Jahre "Ding" – nunmehr abgeleitet vom althochdeutschen "thing" – im Sinne einer Versammlung verstanden wird.10 Damit versucht Heidegger deutlich zu machen, dass selbst vermeintlich einfachste Gegenstände nicht als dem Subjekt umstandslos zur Verfügung stehende Objekte aufgefasst werden können, sondern im Gegenteil stets ein umfassendes Geflecht von Bezügen in sich versammeln. Heidegger belegt dies exemplarisch an einem Krug:11 So ist der Krug nicht nur (von jemandem) getöpfert worden und verweist insofern auf eine Hersteller*in und eine Herstellung; darüber hinaus werden durch den Krug auch die Trinkenden und das Getränk (natürlich ist es bei Heidegger ein Wein) in ein bestimmtes Verhältnis gerückt. Im Weiteren ist auch auf das Gedeihen der Reben auf fruchtbaren Böden und auf die Gunst der Witterung verwiesen.12 Terminologisch bezeichnet Heidegger dieses Bezugsgeflecht als "Geviert", das in jedem Ding "Götter und Sterbliche, Himmel und Erde" – moderner formuliert: alle Pole möglicher Bezugsweisen – in eine Versammlung choreographiert. Die damit verbundene zentrale These lautet: Vernehmen von etwas heißt immer Mit-Vernehmen von anderem. Dieses überbordende Mit der assoziierten Verhältnisse kann nicht mehr auf ein simples Objekt oder ein einfaches (Sinnes-)Datum zurückgeführt, sondern muss hinsichtlich seiner divergenten Relationen, die uns angehen und betreffen, gefasst werden. Zugleich gelingt es Heidegger mit diesen Überlegungen, den transzendental-horizontalen Ansatz von Sein und Zeit (sowie – seiner Einschätzung nach – der gesamten Husserl'schen Phänomenologie) hinter sich zu lassen, indem Welt nicht mehr vom Entwurf des menschlichen Daseins her gedacht wird, sondern die "Sterblichen" – deren Pluralität Heidegger hier anzeigt, der er aber nicht weiter nachgeht – als ein Pol im Geviert fungieren.13 Heidegger verfolgt damit, ohne dass Latour darauf Bezug nehmen würde, nicht nur das Projekt einer Phänomenologie des Dinges, sondern schreibt zugleich eine Theorie der Subjektivität, die sich gegen das neuzeitliche Verständnis des Subjekts als souveränes und transparentes entschieden verwehrt. Am Ende unserer Ausführungen werden wir im Kontext von Foucaults Bestimmung der genealogischen Kritik auf diesen Aspekt nochmals zu sprechen kommen.

4. Ein neuer Begriff des Faktischen – und ein neuer Begriff der Kritik

Latour transponiert nun gekonnt Heideggers Einsichten zur Frage des Dinges in den Problemkontext unserer Gegenwart, indem er aufzeigt, in welch vielschichtigen Prozessen vermeintlich "bloße" Gegenstände zu "Dingen von Belang" werden und wie umgekehrt "Dinge von Belang" zu einsinnigen und eindeutigen Gegenständen gerinnen. Als Beispiel für ersteres wählt Latour dabei nicht wie Heidegger einen vergleichsweise einfachen, sondern einen höchst komplexen "Gegenstand": die Raumfähre Columbia – vermeintlich ein perfekt beherrschtes, verstandenes und verfügbares technisches Objekt –, die 2003 beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre auseinandergebrochen und abgestürzt war. Die auf den Absturz folgenden Ereignisse – die technischen, wissenschaftlichen und juridischen Untersuchungen zur Ursache des Absturzes, die Trauerdiskurse und nicht zuletzt das ganz konkrete Sammeln und Versammeln der tausenden Trümmer des Raumschiffs, die vielerorts in den USA gefunden wurden – machen deutlich, inwiefern "plötzlich und auf einen Schlag aus einem Gegenstand ein Ding geworden [war]":

[E]ine Tatsache, eine matter of fact, wurde als matter of concern gesehen, als Ding, das uns angeht. Wenn ein Ding ein Versammeln ist, wie Heidegger sagt, wie eindrucksvoll ist es dann zu sehen, wie es plötzlich sich auflösen kann. Wenn das "Dingen des Dings" ein Versammeln ist […], wie könnte es ein besseres Beispiel für dieses Machen und Vernichten geben als diese Katastrophe mit der Entfaltung all ihrer Tausenden von Falten?14

Die gegenläufige Bewegung – die Reduktion eines matter of concern auf ein matter of fact – illustriert Latour anhand der Entscheidung der US-Regierung für einen Militärschlag gegen den Irak. Bei den vielfältigen Überlegungen und Debatten im Vorfeld handelte es sich in der Tat um ein "ein Thing – ein Thing mit Th",15 wobei diese gerade darauf abzielten, "die Massen von Menschen, Meinungen und Macht zu einem einheitlichen, einmütigen, festen, beherrschten Objekt zu verschmelzen".16 Diese Reduktion lässt sich beispielhaft an Collin Powells 2003 gehaltener Rede vor dem UN-Sicherheitsrat illustrieren, in der sich die "Beweise" für die Notwendigkeit eines weiteren Irak-Kriegs medienwirksam in einem einzigen "Objekt", einer Ampulle mit dem vermeintlichen Anthrax-Erreger, verdichteten.

An beiden Beispielen lässt sich nach Latour verdeutlichen, inwiefern es notwendig ist, die für die Erkenntnistheorie der Moderne typische, reduktionistische Sichtweise der matters of fact zurückzuweisen und Tatsachen und Gegenstände im Sinne eines neuen Realismus "in hochkomplexen, historisch situierten, außerordentlich facettenreichen matters of concern"17 wieder anders und neu ausbuchstabieren zu lernen.18 Latour zeigt in der Folge auf, dass sich die zeitgenössische akademische Kritik in erster Linie am Konstruktionscharakter der Fakten abarbeitete und vermeintlich gegebene Tatsachen auf deren machtgesättigte soziale Konstruktionsprozesse reduzierte, bis davon nichts mehr übrigblieb und jegliche Fakten scheinbar als bloße Märchen entlarvt wurden. Latour weist dabei entschieden die Auffassung zurück, seine eigenen wissenschaftssoziologischen Untersuchungen hätten auf eine ebensolche Entlarvung abgezielt:

Der Fehler wäre der, anzunehmen, auch wir hätten eine soziale Erklärung für wissenschaftliche Tatsachen geliefert. Nein, obwohl es stimmt, daß wir als gutgeschulte Kritiker zunächst versuchten, das Rüstzeug zu benutzen, das uns unsere Lehrer an die Hand gegeben hatten, um Religion, Macht, Diskurs und Hegemonie aufzubrechen – letzteres einer ihrer Lieblingsausdrücke, der "zerstören" meinte. Aber glücklicherweise (ja, glücklicherweise!) merkten wir, einer nach dem anderen, daß die Black Box der Wissenschaft verschlossen blieb und es stattdessen unsere Werkzeuge waren, die zerbrochen im Staub unserer Werkstatt lagen. Die Kritik war, einfach gesagt, nutzlos gegenüber Objekten von gewisser Solidität.19

Der Gegenüberstellung von Fakten (facts) im Sinne eines naiven, reduktionistischen Positivismus und der ebenso unbedarften Dechiffrierung dieser als Märchen (fairy) im Sinne eines naiven sozialen Konstruktivismus möchte Latour einen dritten – gleichsam fairen – Zugang entgegenhalten, der der Eigenheit und Eigenständigkeit der Dinge im genannten relationalen Sinne Rechnung trägt und sich einem neuen Realismus verschreibt. Gewährsmann für diese neue Form von Kritik ist nun nicht Heidegger, der sich für Latour mit der Inblicknahme der Phänomenalität der Lebenswelt einseitig in eine wissenschaftsfeindliche Haltung vergaloppiert, sondern – nicht minder überraschend – Alfred Whitehead, dem wir laut Latour die Wiedergewinnung eines komplexen Natur- und Dingverständnisses zu verdanken haben. Insbesondere in seinem Werk Der Begriff der Natur begnügt sich Whitehead nicht mit einer begrenzten Auswahl bestimmter paradigmatischer Naturobjekte, sondern macht deutlich, dass in jeder Analyse des Verhaltens zu Gegebenem die Pluralität und Vielgestaltigkeit des Zutunhabens mit den Dingen berücksichtigt werden muss, die uns verschiedenartig belangen und betreffen: "Für uns muß das rote Glühen des Sonnenuntergangs so sehr Teil der Natur sein wie die Moleküle oder die elektrischen Wellen."20 In diesem Zusammentragen und Bewahren pluraler Zugangsweisen zeigt sich für Latour ein neues Maß von Kritik: "Der Kritiker ist nicht derjenige, der entlarvt" – d.h. der vermeintlich Gegebenes auf die sozialen Bedingungen seiner Konstruktion zurückführt und damit außer Geltung setzt –, "sondern der, der versammelt"21 – d.h. der das Bezugsgeflecht an Relationen nachzeichnet und gleichsam "behütet", durch welches ein Ding allererst zum Ding wird. Dieses neue Verständnis umschreibt Latour auch als behutsame Pflege von Zerbrechlichem, die der Vorsicht bedarf, um die Mehrdimensionalität des Versammelten aufzuzeigen.

Auf die Proklamation "Was würde die Kritik leisten, wenn sie Mehr statt mit Weniger, mit Multiplikationen statt mit Subtraktion assoziiert werden könnte!"22 stellt Latour die Möglichkeit in Aussicht, dass "wir die Kritiker immer näher an die von uns geliebten matters of concern heranlassen und schließlich zu ihnen sagen: 'Ja, faßt sie an, erklärt sie entfaltet sie.'"23 Diese Inblicknahme der matters of concern soll es damit erlauben, uns wieder in einer kritischen Weise an die Mannigfaltigkeit der Dinge heranzuführen, die Welt folglich nicht zu entzaubern und zu überführen, sondern sie in ihrem Reichtum anzuerkennen.

5. Kontrapunkte: Epistemologie der Versammlung als neue Form von Kritik?

Wie bereits bemerkt, fällt an Latours Ausführungen auf, dass er sich kaum damit aufhält, seine Vorwürfe gegen poststrukturalistische Kritikmodelle auch tatsächlich an einschlägigen Texten festzumachen und zu belegen.24 Vielmehr vollzieht er selbst die seinen eigenen Ausführungen zufolge problematische Geste der Reduktion eines komplexen und strittigen Feldes (nämlich der in sich divergenten "Versammlung" gegenwärtiger Kritikmodelle) auf einen vermeintlich eindeutig handhabbaren "Gegenstand". Damit folgt Latour mitnichten seiner eigenen Devise, als Kritiker nunmehr zu versammeln anstatt zu entlarven. Vielmehr wird die gesamte heterogene Landschaft zeitgenössischer kritischer Theorie vorschnell zu einem Objekt verdichtet, als gescheitertes Projekt dechiffriert und damit gerade zu einem fact degradiert, den Latour zudem mit ein paar anschaulichen fairies garniert. Der von Latour selbst geforderte faire, mithin versammelnde Zugang bleibt gerade in Bezug auf die Kritik, d.h. den Gegenstand seiner eigenen kritischen Analyse, dagegen gänzlich außen vor.

Latours Text weist dabei auch in rhetorischer Hinsicht verstörende Elemente auf. Es ist nicht nur die bellizistische Rhetorik seiner Ausführungen, die martialisch unterschiedliche Kriegsszenarien an die Wand malt und an neue Waffen, Strategien, Generäle und Arsenale gemahnt,25 sondern seine Ausführungen verlieren sich bisweilen bis ins Nebulöse. Gerade der herkömmlichen Kritik unterstellt er einen "Kampf gegen die falschen Feinde", der dazu geführt habe, dass sie "von der falschen Sorte Verbündeter als Freunde betrachtet wurde[]",26 wobei es Latour unterlässt, diese Andeutungen genauer zu explizieren. Damit erlangt der Text selbst eine konspiratistische Dimension.

Darüber hinaus lässt sich auch die implizite Diagnose einer ungewollten wirkmächtigen Komplizenschaft poststrukturalistischer Kritikmodelle mit postfaktischen rhetorischen Strategien der Leugnung wissenschaftlicher Tatsachen und Theorien in Zweifel ziehen. Durchforstet man beispielsweise das abstruse Online-Sammelsurium von Klimawandelskepsis- und Intelligent-Design-Portalen, so stößt man zwar vereinzelt tatsächlich auf Versuche, die sogenannte "Postmoderne" zur Verteidigung antievolutionärer religiöser Propaganda in den Dienst zu stellen27 – wie auch auf harsche Zurückweisungen aller solcher Affinitäten vonseiten der "Kreationist*innen"28 –, das Gros dieser Publizistik scheint sich jedoch gerade nicht bei "postmodernen" Konzepten zu bedienen, sondern vielmehr bei Grundthesen des wissenschaftstheoretischen Positivismus Anleihen zu nehmen. So wird der Forschung zum Klimawandel und der Evolutionstheorie bereits seit langem von "skeptischer" und "religiöser" Seite sowohl vorgeworfen, diese Theorien seien nicht falsifizierbar (und daher unwissenschaftlich)29 als auch gebetsmühlenartig ins Treffen geführt, es handle sich dabei eben um "bloße Theorien",30 d.h. um "falsifizierbare", mithin möglicherweise falsche Glaubenssätze.31 Kurz, und auch wenn es angesichts des im Kontext der Postfaktizitätsdebatte wieder en vogue gekommenen Postmoderne-Bashings erstaunen mag: Unfreiwilliger Pate dieser diversen Obskurantismen ist eher Popper als Lyotard, eher der Positivismus als die Postmoderne.32

Auch Latours schwächere These einer bloßen "Strukturanalogie" (ohne tatsächlich belegbarer Wechselwirkung) zwischen poststrukturalistischer Kritik und konspirativ-obskurantistischen Positionen kann man nur so lange einigermaßen plausibel finden, wie man eine verwässerte und entstellend popularisierte Form dieser Kritik zugrunde legt. Sobald man sich dem Œuvre von Foucault, Lyotard, Derrida oder Butler tatsächlich zuwendet, wird man dagegen – wie in der Folge anhand von Foucault exemplarisch verdeutlichen werden soll – nicht nur viele Thesen finden, die Latour für seine eigene, strategisch gegen diese Ansätze in Stellung gebrachte Position in Anspruch nimmt,33 sondern darüber hinaus auch Ressourcen an die Hand bekommen, um nicht zuletzt gerade diese prekären Tendenzen der Gegenwart kritisch zu analysieren.34 Um dies genauer zeigen zu können, sei zuvor noch auf einen inhaltlichen Aspekt von Latours eigener Konzeption einer neuen Kritik hingewiesen, der sich gerade angesichts avancierter poststrukturalistischer Positionen als problematisch erweisen wird, nämlich die Beschränkung auf das Register des Epistemischen.35

Dabei sei zunächst nochmals hervorgehoben, dass Latour zu Recht entgegen eines reduktionistischen epistemologischen Paradigmas, dem zufolge die Erkenntnisrelation in dem Bezug eines isolierten Subjekts auf ein ebenso isoliertes Objekt bestehe, ein ungleich komplexeres Verständnis von Gegenstandsbezug ins Treffen führt. Als problematisch erweist sich hier für Latour gerade die Vorstellung nackter Fakten, die uns letztlich ein falsches Bild von Erfahrung überhaupt vermittelt. Matters of fact sind demnach "ein ärmlicher Ersatz für Erfahrung und Experiment" sowie "ein wirres Bündel aus Polemik, Epistemologie und moderner Politik, das in keiner Weise beanspruchen kann, zu repräsentieren, was von einer realistischen Haltung erfordert wird".36 Ein Realismus des Versammelns weiß folglich um das, was ein reduktionistischer Empirismus beständig vergisst: dass alles Gegebene als solches ein Netz von Verhältnissen voraussetzt und ohne diese Relationalität gar nicht gedacht werden kann. Für das Projekt einer neuen Kritik hätte dies zur Konsequenz, dass Kritik nunmehr darin bestehen müsste, jene relationalen Geflechte sowohl gegen reduktionistische als auch gegen konstruktivistische und obskurantistische Einsprüche zu verteidigen. Der obskurantistischen Leugnung des Klimawandels beispielsweise würde eine solche neue Kritik nicht dadurch begegnen, dass sie – wie der empiristische Reduktionismus – bloß auf vermeintlich bezugslose Daten hinweist und auch nicht – wie der Konstruktivismus – die Gemachtheit und Kontingenz aller faktischen Setzungen unterstreicht, sondern vielmehr explizit macht und sorgfältig nachzeichnet, welche komplexen wissenschaftlichen, historischen, ethischen und sozialen Versammlungsprozesse notwendig sind, damit ein Gegenstand wie der Klimawandel zur Existenz kommen und in seiner Existenz anerkannt werden kann. Die Position des Kritikers wäre damit, um mit Heidegger zu sprechen, gleichsam die eines "Hirten des Seins".

Was hier unterbelichtet bleibt, ist zunächst der institutionelle Rahmen, innerhalb dessen sich ein derartiges Zusammentragen von Relationen und Pflegen von unterschiedlichen Zugängen vollziehen kann. Latour suggeriert eine Auflösung sämtlicher Diskrepanzen, sobald möglichst viele (nun doch nur etablierte Disziplinen) zu Wort kommen, wenn er schreibt, dass "eine vielfältige, mit den Werkzeugen von Anthropologie, Philosophie, Metaphysik, Geschichte und Soziologie betriebene Untersuchung [notwendig wäre], um herauszufinden, wie viele Teilnehmer in einem Ding versammelt sind, damit es existieren und seine Existenz aufrechterhalten kann".37 Wie sich damit konkret Problemfälle – wie etwa die Bestreitung des Klimawandels – lösen lassen, bleibt dabei unklar – und zwar nicht nur, weil doch längst unterschiedliche Fachrichtungen innerhalb des kanonisierten Wissenschaftsbetriebs zusammenarbeiten. Noch schwerer scheint zu wiegen, dass sich hinter einer solchen versammelnden Kritik letztlich ein (wissenschafts-)pädagogisches Programm versteckt, insofern Latours Vorstellung zu sein scheint, es würde hinreichen, der Klimawandelleugner*in nur möglichst detailliert und reichhaltig auseinanderzusetzen, wie es dazu gekommen ist (bzw. was versammelt hat werden müssen), dass wir den Klimawandel als etwas Reales anerkennen.

Daran wird nicht zuletzt deutlich, dass Latours Konzeption eines neuen Realismus und einer neuen Kritik in keiner Weise strategische, mitunter ökonomische und politische Interessenslagen zu analysieren versucht, die an der Zirkulation des Postfaktischen – und hier beispielsweise ganz manifest an der Leugnung des Klimawandels – mitbeteiligt sind. Denn Latour beschränkt sich in seinen Ausführungen auf eine Verschiebung innerhalb des epistemologischen Feldes – von den matters of fact zu den matters of concern – bzw. auf eine Ausweitung und Ausdifferenzierung des Begriffs der Objektivität – vom bloßen Ding zum Thing als Versammlung –, ohne dabei zu explizieren, in welchem Verhältnis dieses erweiterte Konzept des Epistemologischen zum Ökonomischen und zum Politischen, mithin zu den Sphären gesellschaftlicher Macht, steht. Der Begriff der Macht kommt in der Tat in Latours Text kaum vor – und wenn, dann zumeist in ablehnend-distanzierender Verwendung. In seiner Polemik gegen die naiv-konstruktivistische Maschinerie der Entlarvung von Wissen als Macht schüttet Latour damit gleichsam das Kind mit dem Bade aus. Denn anders als Latour nahelegt, muss die Frage nach dem Verhältnis von Epistemologie und Macht schließlich keineswegs darauf hinauslaufen, Epistemologie auf Macht zu reduzieren bzw. epistemische Relationen mit Machtrelationen zu identifizieren. Anders gesagt: Warum sollten Machtverhältnisse – neben diskursiven Wissensformen, Mechanismen der Evidenzerzeugung, impliziten Subjektpositionen usw. – kein Teil der Versammlung sein, die ein Ding zum Ding macht? Auf der Irreduzibilität und den zugleich für Gegenständlichkeit ko-konstitutiven Charakter von Prozeduren der Wissens- und Wahrheitsproduktion, sozialen Machtensembles und Subjektivitätsformen hat niemand akribischer hingewiesen als gerade Michel Foucault. Das Defizit, das sich bei Latour somit aus einer einseitig epistemologischen Inblicknahme ergibt, soll daher nun justament mithilfe von Foucaults machtdiskursiven Überlegungen behoben werden, die Latour voreilig als überholt abstempelt und in das Museum antiquierter Theorieansätze zu verbannen trachtet.

6. Zwischen Wahrheit, Macht und Subjektivität: Retour zu Foucault

In unserem abschließenden knappen Versuch, Foucaults Reflexionen einer kritischen Theoriebildung an Latours Ansprüchen zu messen, stehen nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, Foucaults explizite und oft zitierte Ausführungen zur Kritik im Fokus der Aufmerksamkeit.38 Vielmehr möchten wir zwei Stränge aus Foucaults vielschichtigem Œuvre herausgreifen, von denen wir überzeugt sind, dass sie sich besonders gut dazu eignen, auf Latour zu antworten. Zunächst beziehen wir uns auf Foucaults Überlegungen zum Komplex von Wissen und Macht, auf den Latour mehrmals in Das Elend der Kritik, wenn auch mit wenig Wertschätzung, rekurriert. An diversen Texten Foucaults aus den 1970er Jahren lässt sich nicht nur ablesen, dass Foucault einen erkenntnistheoretisch höchst relevanten Paradigmenwechsel von der Untersuchung – Foucault bezeichnet sie als enquête – hin zur Prüfung (examen) im Auge behält; darüber hinaus sprengt er den rein epistemologischen Rahmen, indem – mit einem historischen Index versehen, der den aufkommenden Kapitalismus mit der bürgerlichen Rechtsordnung sowie der Etablierung der Humanwissenschaft in ein komplexes Verhältnis setzt – konstitutiv machtdiskursive Verschiebungen berücksichtigt werden, in denen ökonomische, politische und juridische Überlegungen vor einem institutionentheoretischen sowie institutionenpraktischen Hintergrund zum Tragen kommen, die in Latours vornehmlich erkenntnistheoretischem Ansatz ausgeklammert werden.39 In einem zweiten Schritt greifen wir auf Foucaults späte Vorlesungen zum antiken Begriff der parrhesia als einer Praxis des Wahrsprechens zurück, die in unserem Zusammenhang insofern von besonderer Relevanz sind, als Foucault darin nicht nur das Geflecht von Wahrheit, Macht und Subjektivität analysiert, sondern auch eine spezifische "Wahrheitskrise" in der griechischen Antike nachzeichnet.40

Foucault beschreibt die für ihn entscheidende Neuausrichtung der Wissensformation vom Paradigma der Untersuchung zu dem der Prüfung in markanten Zügen: Spätestens mit Beginn des 19. Jahrhunderts ereignen sich, wie Foucault anschaulich nachzeichnet, diverse Verschiebungen, die dazu führen, dass die Untersuchung ihre Vorrangstellung als bewährter Zugang, Wissen zu generieren, sukzessive einbüßt. Diese aus der juridischen Praxis stammende und seit der Antike etablierte Verfahrensweise, um mithilfe von Zeug*innen und Beweismitteln das zu rekonstruieren, was geschehen war, wird nunmehr von einem sich in sämtliche gesellschaftlichen Bereiche erstreckenden "Panoptismus" abgelöst. Diverse Institutionen – Schulen, Fabriken, Anstalten, Gefängnisse etc. – lassen Subjekte überwachen, kontrollieren und normalisieren, um beständig Wissen über sie zusammen zu tragen. Prägnant skizziert Foucault diese Neuausrichtung der Wissensgewinnung in seiner 1973 gehaltenen Vortragsreihe Die Wahrheit und die juristischen Formen:

Es geht nicht mehr um die Rekonstruktion eines Ereignisses, sondern um etwas oder vielmehr um jemanden, der einer ständigen totalen Überwachung unterzogen werden soll. Eine permanente Überwachung von Menschen durch jemanden, der Macht über sie ausübt – Lehrer, Meister, Arzt, Psychiater, Gefängnisdirektor – und der dank dieser Macht nur die Möglichkeit hat, sie zu überwachen, sondern auch das Wissen über sie anzusammeln.41

Aufschlussreich an diesem Zitat ist nicht nur, dass Foucault in seinen umfassenden historischen Untersuchungen die Ablösung der matters of fact als epistemologisches Paradigma der Moderne – auf die noch die klassische Wissensproduktionsform der Untersuchung abgezielt hatte – bereits zwei Jahrhunderte vor Latour verortet, wobei er dessen Genese letztlich bis in die griechische Antike, namentlich zur Untersuchung der Geschehnisse des Königsmordes in Sophokles' Ödipus Rex zurückverfolgt.42 Darüber hinaus wird auch die bei Latour gänzlich unbedarfte Tätigkeit des Sammelns und Versammelns von Wissen mit Hilfe einer genealogischen Nachzeichnung einer machtdiskursiven Analyse unterzogen. Den mit den "versammelnden" Wissenspraktiken der Prüfung verbundenen Kontrollzwang problematisiert Foucault in weiterer Folge mittels umfassenden Untersuchungen einer ganzen Reihe von Institutionen innerhalb dessen, was er "Disziplinierungsgesellschaft" nennt, die für ihn samt ihren totalisierenden Panoptisierungstendenzen bis in die Gegenwart reicht und damit die Konstitution des Subjekts nicht zuletzt als Machtgeschichte lesbar macht. Das Wissen bezieht sich dabei auch nicht mehr in erster Linie auf natürliche oder geschaffene Gegenstände, sondern – eine Dimension des Wissens, die in Latours dingorientierter Konzeption allenfalls nur indirekt zur Sprache kommt – auf "Menschen", deren umfassende Kontrolle zugleich den Zielen des aufkommenden Kapitalismus in die Hände spielt. Foucault zeichnet in diesem Zusammenhang schlüssig nach, dass aufgrund des Aufkommens einer gänzlich neuen Art von Reichtum, die nicht mehr auf Grundbesitz oder Geld beschränkt bleibt, sondern auf beweglichen Formen des Kapitals, wie beispielsweise Rohstoffe und Waren, Werkstätten und Maschinen, beruht und der permanenten Gefahr der Plünderung unterliegt, nach Kontrollinstrumentarien gesucht werden musste, um diese neue Form des Reichtums effektiv zu schützen. Die Überwachung soll dabei nicht bloß auf bereits begangene Delikte reagieren, sondern mögliche Taten vorab kontrollierend einschränken.

Durch beeindruckende historische Recherchen geleitet zeigt Foucault nicht nur auf, inwiefern diese Kontrolldispositive bestimmte Vorformen von staatlichen und gegenstaatlichen Sozialzwängen vereinigen, sondern dass diese Vermengung von staatlichen und außerstaatlichen Komponenten in eine Reihe von Institutionen hineingetragen wird. Dabei bringen diese Einrichtungen – von den Schulen über die Fabriken und die Kasernen bis hin zu psychiatrischen Anstalten und Gefängnissen – seit dem 19. Jahrhundert eine restlose Kontrolle über die durch das Disziplinardispositiv individualisierten Subjekte mit sich, welche fortan gänzlich auf den Arbeitsprozess hin abgestellt und umfassend – bis hin auf die Ebene des Körpers – überprüft werden:

Untersucht man […] genauer, warum diese Institutionen das gesamte Dasein des Einzelnen kontrollieren, so erkennt man, dass es im Grunde nicht darum geht, ein Maximum an Zeit aus den Menschen herauszuholen und sich anzueignen, sondern auch darum, den Körper des Einzelnen nach einem bestimmten System zu kontrollieren, ihn zu formen und seinen Wert zu erhöhen.43

Foucault rekonstruiert mit Nachdruck, inwiefern in diversen Institutionen eine neue Form von Macht installiert wird, die nicht mehr simpel mit dem Souverän identifizierbar oder an den Staatsapparat oder eine bestimmte Klasse geknüpft ist, sondern in einer polymorphen Weise um sich greift, um das System des Kapitalismus und der bürgerlichen Rechtsordnung zu stützen.44 Er macht dabei darauf aufmerksam, dass so ein vielgestaltiges Geflecht entsteht, das ökonomische Aspekte der Produktion und politische Dimensionen der In- und Exklusion mit juridischen Implikation einer richtenden Gewalt und nicht zuletzt dem epistemischen Anspruch der Wissensgewinnung miteinander verknüpft.

Der für uns zentrale Punkt an diesem knappen Nachvollzug ist, dass sich eine solche Analyse letztlich überhaupt nur durchführen lässt, wenn man Wissen nicht auf Macht reduziert. Denn damit würde Foucault gerade die Spezifika jener Wissenspraktiken samt den Verschränkungen ihrer diversen Register und Logiken aus den Augen verlieren, deren Rekonstruktion einen wesentlichen Bestandteil seiner historischen Arbeit bildet. Weder ist daher für Foucault Wissen mit Macht zu identifizieren, noch lassen sich Wissensformen gänzlich getrennt von deren machtgesättigten sozialen und politischen Bedingungslagen untersuchen, gleich als würde sich die Generierung von Wissen in einem luftleeren, mithin geschichtslosen und unpolitischen Raum vollziehen. Darüber hinaus zeigt sich an Foucaults Analyse ebenfalls, dass gerade auch Praktiken des Versammelns (von Wissen) – entgegen Latours an Heidegger orientierter, ontologisierender und mitunter geschichtsvergessener Konzeption der Versammlung – ihrerseits auf eine komplexe und schattenreiche Geschichte zurückverweisen, die Latours präsentisches Sammeln gänzlich vernachlässigt und deren genealogisch-kritisches Potential gegenüber gegenwärtigen Verhältnissen er daher nicht in den Blick bekommt.45 Und nicht zuletzt wird – so man dies überhaupt betonen muss – u.a. an Foucaults Nachzeichnung der Zerstreuung eines souveränen Machtzentrums deutlich, dass seine historische Forschung nicht nur, wie Latour es der poststrukturalistischen Kritik im allgemeinen zugesteht, analytisch weitaus komplexer und feinsinniger ist als konspiratistische Anwandlungen, sondern vielmehr deren striktes, diametrales Gegenteil darstellt: Während Verschwörungstheorien sich gerade dadurch auszeichnen, dass sie einen – wenn auch zuweilen ins Diffuse entrückten – einfachen, benennbaren Ursprung, einen identifizierbaren Täter hinter der Tat veranschlagen, besteht eine der wichtigsten Grundgesten von Foucaults Arbeiten stets darin, derartige Erklärungsmodelle resolut zurückzuweisen.

In seinen späten in Berkeley und am Collège de France gehaltenen Vorlesungen radikalisiert und reformuliert Foucault den Gedanken, dass die Untersuchung von Erfahrung zugleich epistemische Praktiken, Machtformen und Subjektivierungsweisen versammeln muss, ohne diese Pole jemals aufeinander zu reduzieren. Historischer Bezugspunkt ist dabei die antike Praxis der parrhesia als einer institutionell nicht geregelten Form des Wahrsprechens, die, wie Foucault nachzeichnet, im Zuge einer Krise der demokratischen Institutionen in der antiken Polis in den Fokus breiter philosophischer, ethischer und politischer Auseinandersetzungen rückt. Methodisch gerät damit der Begriff der Problematisierung ins Zentrum von Foucaults Überlegungen. Damit ist eine Untersuchung der historischen Prozesse gemeint, im Zuge derer Gegenstände und Praktiken – wie eben im konkreten Fall eine bestimmte Praxis der Veridiktion –, die vormals als unproblematisch akzeptiert und fraglos als gegeben hingenommen wurden, zu Brennpunkten einer konflikthaften Erfahrung sowie der epistemischen, ethischen und politischen Aufmerksamkeit werden. Ziel ist also jeweils

die Analyse der Art und Weise, wie ein unproblematisches Erfahrungsfeld oder eine Reihe von Praktiken, die als selbstverständlich akzeptiert wurden, die vertraut und "unausgesprochen" sind, also außer Frage stehen, zum Problem werden, Diskussionen und Debatten hervorruf[en], neue Reaktionen anreg[en] und eine Krise der bisherigen stillschweigenden Verhaltensweisen, Gewohnheiten, Praktiken und Institutionen bewirk[en]. Die Geschichte des Denkens, in diesem Sinn verstanden, ist die Geschichte der Art und Weise, wie Menschen beginnen, sich um etwas zu kümmern, sich um dieses oder jenes zu sorgen – zum Beispiel um Wahnsinn, um Verbrechen, um Sexualität, um sich selbst oder um Wahrheit.46

Mit dieser Perspektive auf Prozesse der Problematisierung möchte Foucault aufzeigen, dass es ihm weder um eine bloße historische Verortung und sterile Analyse vermeintlicher Fakten geht noch um den gleichsam idealistischen Aufweis einer sozialen Konstruktion von Phänomenen wie Sexualität, Verbrechen, Wahnsinn oder Wahrheit. Vielmehr verschreibt sich Foucault einer Nachzeichnung der Art und Weise, wie vermeintlich Gegebenes zu einem (wissenschaftlichen, ethischen, politischen) Problem wird. Damit nimmt Foucault methodisch bereits Latours Ansatz einer Analyse der Prozesse vorweg, in denen matters of fact zu matters of concern werden, zu Gegenständen der Sorge und damit zu komplexen Realitäten, die mit heterogenen und komplexen Ensembles von Diskursen, Institutionen und Dispositiven innerhalb einer spezifischen geschichtlichen Konstellation verflochten sind. In einer deutlichen Verteidigung gegenüber gängigen Einwänden antizipiert Foucault dabei auch bereits Latours Kritik an einer solchen Zugangsweise, sie würde die Faktizität ihrer Gegenstände ableugnen:

[W]enn ich sage, daß ich die "Problematisierung" von Wahnsinn, Verbrechen oder Sexualität studiere, so ist das keine Art und Weise, die Realität solcher Erscheinungen zu leugnen. Im Gegenteil, ich habe versucht zu zeigen, daß gerade etwas wirklich in der Welt Vorhandenes in einem gegebenen Augenblick das Ziel sozialer Regulierung war. Ich stelle folgende Frage: Wie und warum wurden unterschiedliche Dinge in der Welt zum Beispiel unter dem Begriff "Geisteskrankheit" zusammengefaßt, gekennzeichnet, analysiert und behandelt? Welches sind die für eine gegebene "Problematisierung" relevanten Elemente? […] Die Problematisierung ist eine "Antwort" auf eine konkrete Situation, die durchaus real ist.47

Die Untersuchung der Problematisierungen fragt demnach gerade nach den paradigmatischen matters of concern einer gegebenen historischen Epoche. In diesem Sinne lässt sich Foucaults Ansatz gerade so verstehen, dass er versucht, "näher" an das Reale heranzukommen, genau so, wie Latour es fordert, und zwar "näher" sowohl im Vergleich zu positivistischen Positionen, die das Reale durch den Fokus auf einen verkürzten Begriff des Faktums bzw. Datums aus den Augen verlieren, wie auch im Vergleich zu naiv-konstruktivistischen Positionen, die das Reale als einen bloßen, an sich nichtigen Effekt von Machtverhältnissen verstehen. Erst wenn das gesamte Geflecht des Epistemischen, der Macht und der Subjektivierung entfaltet wird, lässt sich ein "Thing" wie die antike parrhesia – und, so könnte man hinzufügen, die gegenwärtige "Wahrheitskrise" – verstehen. Die (epistemische) "Analyse der Formen der Veridiktion" muss also mit der (politischen und machtdiskursiven) "Analyse der Verfahren der Gouvernementalität" und mit der (subjektivierungstheoretischen) "Analyse der Pragmatik des Subjekts und der Techniken des Selbst" verschränkt werden.48

7. Fazit und Ausblick: Für eine Relektüre der Kritik

Unsere Ausführungen sollten deutlich machen, dass wir mit Latours Gegenwartsdiagnose übereinstimmen. Zudem war es unser Anliegen, mit Latour die Notwendigkeit einer verschärften Inblicknahme gegenwärtiger postfaktischer Konstellationen zu unterstreichen. Dabei ist Latour darin zuzustimmen, dass eines der fundamentalen gegenwärtigen Probleme in diesem Zusammenhang im Mangel an einem reichhaltigen Verständnis von Erfahrung besteht – ein Mangel, der u.a. auf deren positivistische Verkürzung zum bloßen Faktum bzw. Datum zurückgeht. Insofern mag es als bezeichnend gelten, dass wir uns gegenwärtig den Kopf über den vermeintlichen Verlust alles Faktischen zerbrechen, während de facto eine Daten- und Faktenherrschaft von Algorithmusregimen heraufzieht, die eine umfassende Berechenbarkeit sämtlicher Verhaltensweisen mit sich bringt; ein Regime, für das jedes matter of concern nur in Hinblick auf seine Kommodifizierbarkeit als Lieferant von Datenpaketen, gleichsam der Schwundstufe der matters of fact, in Betracht kommt.49

Wir sehen aber nicht, was an Foucaults methodischer Devise gerade angesichts der aufkommenden gesellschaftlichen Problematisierung der Wahrheit, des Faktums und der Objektivität unzeitgemäß wäre. Um tatsächlich eine kritische Antwort auf diesen Problemkomplex zu liefern, in dem es gerade um das vielfach verschränkte Verhältnis von Wahrheit, Macht und Subjektivität geht, scheint die Inblicknahme dieser Trias vor dem Hintergrund ihrer Genealogie vielmehr eine unabdingbare Aufgabe zu sein. Entgegen Latours Gestus, das gesamte Instrumentarium kritischer Theorie – neben dem sogenannten Poststrukturalismus wären hier auch die Spielarten der Frankfurt Schule, insbesondere der ersten Generation, zu nennen – zum alten Eisen zu werfen, erscheint es uns daher angebrachter, Latours eigenen Anspruch, die Haltung der Entlarvung gegen die der Versammlung einzutauschen, auch in Bezug auf den Bestand der Kritik selbst in einer konsequenten Weise einzulösen und deren reichhaltige, komplexe und sicherlich widersprüchliche Falten erneut zu versammeln. Auch die Kritik selbst müsste also vom Objekt der Demaskierung zum Gegenstand der Sorge werden – und das ist nicht zuletzt eine Frage der Ethik (und Politik) der Lektüre und der Relektüre –, um davon ausgehend ihr Interventionspotential gegenüber verhärteten Verhältnissen und problematischen Entwicklungen kraftvoll auszuspielen.